Kreative Kunst in der Corona-Zeit: Tilemannschüler stellen in der WERKStadt ihre Werke aus. Abstand gleich Liebe steht auf vielen Plakaten in dieser besonderen Zeit. Müsste es nicht besser heißen: Abstand gleich Nähe?

Nachdem die Schule geschlossen wurde, saßen wir alle – Lehrer, Schüler und Eltern – gemeinsam in einem Boot, unsicher wohin die Reise geht, unsicher wie lange die Reise dauern wird und dann auch noch eine kollektive Angst und Unsicherheit wie man „Corona“ begegnen soll.

Wie sieht der Alltag aus? Wir sitzen morgens um 8 Uhr gemeinsam am Küchentisch, der sich mit verschiedenen Kopfhörern der verschiedensten Sorten und viel Papier und „remote“ Kärtchen und Kaffeetassen und Unmengen E-Mail-Aufträgen füllt. Home-Office von Schule, Uni, Job. Die ersten zwei Wochen war zunächst „Fortbildung“ in digitaler Schule notwendig, ein Versäumnis der letzten Jahre in den Schulen. Zu Beginn des Home-Schooling stehen keine digitalen Feuerwerke aus eLaerning-Videos, Comic App oder Remote-Power Point Präsentationen, sondern erst einmal die Beherrschung von E-Mail-Fluten: Ordner anlegen, digitale Listen schreiben, Dokumente ins LANIS hochladen. Alle verirren sich im Nirwana redundanter E-Mails, WhatsApps, LANIS, Moodle, PDF-, jpg-Dateien hochladen. Wie funktioniert der Scanner? Video-Meetings, die ersten 15 Minuten suchen alle nach Ton und Bild? Wo ist der Chat, Videobildschirm ist nicht an, wieso sehe ich mal nur den einen dann alle, wo ist die „Gallery“, autsch der Ton schrillt durch die Kopfhörer, die Kinder platzen rein, Pyjamahose und -hemd, aber wieso vorher dann doch noch Zähne putzen und deodorieren? „Kling“, schon wieder 5 Nachrichten in irgendeinem Eingangskorb, der Berg wird jeden Tag groß sein und manche beantwortet man noch im Bett, damit der Berg am nächsten Tag nicht so groß ist. Als Kunstlehrer heißt dies: 200 Schüler, 7 Klassen, 7 Arbeitsaufträge die Woche:  Schwupp, 1.400 Nachrichten. Einfache Mathematik. Als Eltern und Schüler heißt es von 10 Lehrern die Arbeitsaufträge zu bekommen, selten zu den vereinbarten Zeiten, deshalb rund um die Uhr ausdrucken, einscannen. Ganz nach Rainer Maria Rilke „Wir ordnen es. Es zerfällt. Wir ordnen es wieder und zerfallen selbst.“ Ein Chaos, in dem man zu ertrinken droht. Aber braucht man nicht auch das Chaos für Kreativität? Damit sich alles wieder neu ordnet und gestaltet? Für den Schulwahnsinn braucht man eher eine strukturierte Sekretärin, die man gerne sofort einstellen möchte, für die Kunst heißt es aber auch, endlich frei zu sein von 45 Minuten und Lehrplänen. 

Vor den Osterferien wurden noch alle Unterrichtseinheiten abgeschlossen, spätestens danach war für den Kunstunterricht aber klar, dass neben all den vielen Arbeitsaufträgen, die die Schüler (und Eltern) zu Hause in der neuen Situation bewältigen müssen, die Kunst wieder als kreativer Moment erlebt werden muss, wo man seinen Gedanken einen visuellen Ausdruck geben und in der man die Seele im zeitlosen Raum baumeln lassen kann. Dinge ausdrücken, für die man keine Worte findet, Emotionen Gestalt geben, die eben nur zu fühlen sind: Kunst kommt wieder zu ihrem eigentlichen Sinn.

Die Schüler stellten Kunstwerke nach, die sie sich selbst im Netz aussuchten. Spaß am Surrealen mit einem schwebenden Apfel im Anzug von Papa ganz nach Matisse, auf dem Pferd im schönen Kleid mit Hut, wie in früheren Zeiten, als Medusa mit einem Kabelsalat und „Mäusen“ auf dem Kopf,  oder die eigenen Haustiere oder Kuscheltiere spielten eine Rolle in barocken Stillleben oder wie im Expressionismus von Franz Marc. Der Limburger Dom wurde zum Hintergrund einer Burg von Carl Spitzweg oder der arme Poet im eigenen Kinderzimmer. So wird Kunstgeschichte zum Spaß und zur Reflexion des eigenes Seins.

Ein weiterer Selbstläufer war die „Farben-Challenge“, das heißt die Schüler sammelten im ganzen Haus eine Farbe. Zum Beispiel alle in der Farbe BLAU von Gegenständen und Kleidungsstücke (Tischdecken, Bettbezüge, Krawatte, Perücke, Kleid, Anzug von Oma oder Papa, Regenschirme, Tupperdosen, Gymnastikbälle, Quietsche-Entchen, Gießkannen etc.) und kreierten damit ein oder mehrere Selbstportraits. Daraus sind besonders witzige und schrille Fotografien entstanden. Die Wirkung von Farben kann nicht nachhaltiger für immer verstanden werden.

Neben diesen lustigen Aufgaben gab es auch ein „ernsteres“ Thema: „Meine Welt nach Corona“. Auch das kann Kunst: Gedanken, Ängste, Wünsche, Hoffnungen in einem Bild ausdrücken. In den Bildern waren Gefühle des Ist-Zustandes zu sehen. Der einsame Geburtstag, das Vermissen der Großeltern, das Monster, das als Virus lauerte, aber auch die positiven Seiten: Das Bewusstsein, dass Familie und Freunde und vor allem das Klima, die Natur, die sauberen Flüsse, die bessere Luft die Reduzierung auf das Wesentliche auf den Bildern großen Raum bekamen. Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte.

Und so veränderte sich allmählich auch die Stimmung im Postfach des Kunstlehrers: Während am Anfang die E-Mails noch mit viel Sorge und Überforderung gefüllt waren, kamen nach und nach jetzt endlich lustige E-Mails, gepackt mit Freude, Spaß und Begeisterung. Die Ergebnisse waren grandios und berührend. Die Nachrichten wurde bunter und fröhlicher, was wieder die Idee gebar, den Schülern dieses berührende „Posterlebnis“ selbst zu ermöglichen. Sie malten eigene Postkarten, so wie die Künstler dies früher taten und schickten sich gegenseitig „Kunst“ zu mit den Texten des eigenen „Wohlbefindens“.

Und so findet Kunstunterricht in dieser besonderen Situation zu seinem eigentlichen Ziel: Pure Kreativität. Entdecken, Neugier, Forschen, Experimentieren und aus eigener Freude und Lust kreativ zu sein. Kreativität, das ist schon lange belegt, braucht man nicht nur in der bildenden Kunst, sondern Kreativität braucht es jeden Tag, um neue Lösungen, Entscheidungen zu treffen und sich auf neue, spontane Situationen einzustellen. Gerade jetzt.

So bleibt die Hoffnung, dass wir nicht mehr zurück zur alten Normalität kommen, sondern dass wir es nutzen, die Zeit neu zu gestalten und ein Gefühl bekommen, was wir wirklich wollen. Und die Kunst kann uns auf den Pfad führen.

Damit diese besonderen Werke der Schüler in dieser Ausnahmezeit auch von vielen Menschen gesehen werden können, kam der Kontakt zur WERKStadt zustande. Die Kunstwerke der Schüler kommen durch diese Ausstellung dorthin, wo die Menschen sind und können deswegen gesehen werden. Unser Ziel: Innehalten, Nachdenken, Mut und Hoffnung bekommen, aber auch das Lachen und Schmunzeln wird nicht ausbleiben. Hier kommt der große Regenbogen direkt in den öffentlichen Raum.

Text: Pressemeldung Tilemannschule

Zwei Schülerinnen der 6. Klasse der Tilemannschule haben ihre Mitschüler zu Corona und zur Schulschließung interviewt.